Die „Zeit“ ist eine der wenige Konstanten in meinem Leben. Jeden Donnerstag, auf dem Weg zur Arbeit, sorge ich dafür, dass ein weiteres Exemplar der wöchentlich erscheinenden Zeitung über die Ladentheke wandert. Weil sie mein Hirn mit Wissen füttert, für das mir sonst die Muße fehlt und auch die wahrhaftige Zeit.
Sieben Tage bleiben mir dann, um mich auf den neuesten Stand zu bringen. Danke dafür, denn jede noch so gute Tageszeitung wird trotz guter Vorsätze zum einsamen Budenhocker auf meinen Küchenstuhl. Es ist wie damals, wenn Mathelehrer viel zu viele Hausaufgaben stellten und man still und heimlich dachte: „So ein Idiot, der denkt wohl, ich hab‘ nichts anderes zu tun.“ Dabei hat das jeder von uns. Anderes zu tun und anderes zu lesen. Wer sich mit einem gesellschaftlichen Phänomen wie der Mode beschäftgen will, der darf den Rundumblick trotzdem nicht vergessen, niemals. Alles, was um uns herum geschieht, wirkt sich in irgend einer Art und Weise auch auf die Künste aus. Andersrum gilt das Ganze ebenso. Ihr wisst, was ich sagen will. Über kleine modische Schmankerl im beiligenden „Zeit Magazin“ freuen wir uns aber natürlich nicht weniger. In der kommenden Ausgabe zum Beispiel, dreht sich auf acht Seiten alles um Tavi Gevinson.
Wer jetzt annimmt, er hätte doch schon längs alles über die mittlerweile 16-Jährige Bloggerin gelesen, der irrt. Christoph Amend gelingt es, das tiefe Wesen der Mademoiselle Gevinson durch Zeilen und Zitate einzufangen, das Urkomische an diesem intelligenten Teenager zu greifen und uns einen Text zu präsentieren, der es vermag, jedem Wunderkind-Skeptiker den Kopf zu waschen. Fast unbemerkt schafft Amend es, dabei zeitgleich eine Generation zu portraitieren, deren Wissen und Interesse sich aus Momentaufnahmen vergangener Jahrzehnt zusammenfügt, die durch das Internet imstande ist, Kontakt mit der ganzen Welt aufzunehmen. Am Donnerstag solltet ihr am besten selbst nachlesen, was ich damit meine – deshalb verbleibe ich bloß mit meinen liebsten Text-Auszügen:
„Eines Tages bin ich kein Wunderkind mehr, und darauf will ich vorbereitet sein.“
„Die Schule abzubrechen wäre dumm gewesen. Du kannst nur ein Mal im Leben auf die Highschool gehen. (…) Man hat doch noch den Rest des Lebens, um nicht auf die Hughschool zu gehen“.
„Mich erinnert ein bestimmtes Rot an die Serie Twin Peaks, die Assoziationen meiner Mutter gehen eher in Richtung Natur, nicht Fernsehn.“
„Mein Traum ist: Unsere Leserinnen begreifen, dass sie cool sind, egal, welche Musik sie hören, welche Kleidung sie tragen und welche Fernsehserie sie schauen“