Ich bin nicht dünn. Diese Erkenntnis ist weder für mich, noch für all jene, die mich kennen, eine Neue. Ich war nämlich noch nie dünn. Vielleicht zu Grundschulzeiten noch, so ganz objektiv betrachtet, aber unter Freundinnen war ich schon immer die mit der größten Kleidergröße und somit nunmal auch die mit der größten Panik vor dem nahenden Freibadsommer. Klarmotten teilen? War nicht drin. Die anderen trugen meinen Schrankinhalt zwar freudig vergnügt als fesche Oversize-Kluft, ich hingegen blieb leer aus. Denn ich habe ja nicht reingepasst, in die Kleider, Hosen und Pullover meiner Freundinnen. Und heute? Herrscht immer noch ein gewaltiger Druck, aber auf eine andere Art und Weise.
Vielleicht ist sogar noch ein bisschen mehr Druck hinzu gekommen, ich weiß es nicht. Heute etwa sehe ich mich damit konfrontiert, meinen Körper, genau so wie er ist, nicht nur akzeptieren, sondern gänzlich schön, ja nahezu rattenscharf finden zu müssen. „Body positive“ zu denken, weil das ja mittlerweile hip ist, zumindest lese ich davon. Permanent. Gut so, sollte man meinen. Auf das neue Selbstbewusstsein! Aber ganz ehrlich? Das schaffe ich nicht. Beim besten Willen nicht. Dafür stehe ich viel zu oft viel zu lange vor dem Spiegel, um beim Betrachten meiner kräftigen Oberschenkel in heller Verzweiflung zusammenzubrechen. „Heute Abend gibt es Rohkost, Fabi, mit ein bisschen Hummus vielleicht,“ denke ich dann.
Damals war ich ein Teenager ohne hashtagbasierte Internetbewegung im Nacken. Ich war weit davon entfernt, meinen Körper zu lieben und hatte außerdem das „Gefühl“, dass der Rest der Welt dies auch nicht tat. Es war also ok, dass ich mich manchmal lieber versteckte. Warum? Weil es auch im Jahr 2008 noch etwas Besonderes war, wenn eine korpulente Frau im Mittelpunkt, auf dem Laufsteg oder gar auf der Bühne stand. Frauen mit Kurven, mit Bauch oder kräftigen Beinen waren medial durchaus präsent, meistens aber nur weil sie dick und trotzdem zufrieden, dick und unzufrieden oder einst dick und nun (zum Glück) wieder dünn waren. Hui. Ein ganz schönes Hin und Her. Und heute? Heute bin ich zwar um einige Jahre, Erfahrungen und Erkenntnisse reifer, weiß, dass es so etwas wie ein allgemein gültiges Idealgewicht nicht gibt und danke dem Universum außerdem ganz aufrichtig für körperliche Diversität, kann mich aber dennoch nicht vom äußerlichen Druck auf meinen Körper, auf Frauenkörper generell, freimachen. Es fällt mir noch immer schwer, mich permanent wunderschön zu finden. Ganz bestimmt auch, weil der schlanke Körper trotz aller Gegenpropaganda noch immer als Ideal in unseren Köpfen feststeckt. Ein Dilemma. Denn ich, als emanzipierte, eigentlich selbstbewusste Frau und Feministin müsste es ja eigentlich und endlich besser wissen.
Insgeheim ärgere mich aber (trotz allem rationalen Wissens) über die Freundin, die stöhnend aus der Umkleidekabine kommt. „Scheiße, die 34 passt nicht mehr“. Von der 36 weit entfernt, bin ich in solchen Momenten vergrämt und beschämt zugleich. Luxusproblem denke ich mir dann – obwohl ich ganz genau weiß, dass ein solches Gedankengut völliger und großer Quatsch ist. Genau wie ich, hat nunmal auch „die schlanke Frau“ ein Recht darauf, sich hier und da über Veränderungen des eigenen Körpers zu ärgern. Schlank sein bedeutet nicht automatisch zufrieden sein zu müssen. Und genau darum geht es doch:
Ich musste und muss lernen, dass die Liebe zum eigenen Körper durch keinen Hashtag der Welt allein Einzug hält, auch wenn selbige durchaus hilfreich sind und Mut erzeugen können. Diese Liebe zu mir selbst, zu meinem Körper, ist vielmehr eine nie endende Reise mit Hochs und Tiefs. Manchmal befinde ich mich an einem sonnigen Ort, manchmal tief im Schatten.
Wie vermutlich wir alle.
Genau wie Größe 34 meckert Größe 40 über dicke Waden und Co. und das geht, wie ich finde, auch wenn man Body Positve eingestellt ist. Nein, es muss sogar sein. Weil wir uns vielleicht erst nach diesem kritischen Betrachten, nach dem Meckeranfall eben, wieder lieb haben können. Ich muss mich nicht jeden Tag in mein Spiegelbild verknallen, wirklich nicht. Es geht darum, sich gut zu fühlen. Und das geht auch ohne Begeisterungsstürme über den Keksbauch. Er ist mir an guten Tagen zwar manchmal sehr sympathisch, hin und wieder aber auch einfach egal. Und genau das fühlt sich herrlich befreiend an.
Aber dann, immer wieder, ein medialer Aufschrei propagiert Dein Körper ist schön, wie er ist! Lerne dich selbst zu lieben, dann tun andere es dir gleich!, denke ich: Ganz ehrlich? So einfach ist das nicht. Natürlich endet nicht jeder Spiegelmoment in heller Verzweiflung – und trotzdem: Schaue ich meine Urlaubsfotos durch und suche nach einem Schnappschuss, um ihn mit meiner Instagram-Gemeinde zu teilen, suche ich natürlich nach dem Foto, das mich möglichst schlank, vielleicht sogar schlanker als in Wahrheit, aussehen lässt. Immer wieder muss ich mir also eingestehen, dass ich zwar nicht gänzlich unzufrieden mit meiner Figur bin, dass dieses Verbesserungspotenzial hin zum Ideal „schlank sein“ aber permanent im Raum steht. Und dabei soll ich mich doch eigentlich in jeder Lebenslage schön finden.
Fakt ist: Mehr diverse Körper zeigen, ja! Immer wieder über ihre Extravaganz sprechen? Muss nicht, damit auch im Oberstübchen das Besondere zum Normalen wird, ohne jemandem vorzuschreiben zu wollen, immer mit sich im Reinen sein zu müssen. Ist doch utopisch. Oder?